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Nicole Dörr, European University Institute Florenz

Übersetzung und Inklusion in mehrsprachigen Face-to-face Öffentlichkeiten
Der unerhörte Fall der Europäischen Sozialforen

vorgestellt von Kirill Postoutenko

Der Versammlungssaal eines Theaters, irgendwo in Genua, Juli 2003, 40 Grad Hitze, die Luft zum Schneiden. Es tagt die Vorbereitungsversammlung zum Europäischen Sozialforum (ESF). Europas globalisierungskritische Bewegungen sind an den Ort der Demonstrationen gegen den G8 Gipfel zurückgekehrt, um in Genua über die Zukunft eines „anderen Europas“ zu reden. Hier spricht nicht jedeR die gleiche Sprache. Doch begleitet von Simultandolmetschung debattieren die etwa 150 AktivistInnen miteinander. Es wird gestritten, verhandelt, geschrieen und auf den Gängen getuschelt. Nach der Versammlung geht es weiter auf die Demonstration zum Gedenken an Carlo Giuliani, der hier zwei Jahre zuvor unter den Schüssen der Polizei starb. Die angereisten TeilnehmerInnen an der Vorbereitungsversammlung zum Europäischen Sozialforum kommen aus Portugal oder Russland, Bulgarien und Schweden, Paris oder Istanbul und lassen sich offenbar nicht von der massiven Polizeipräsenz vor dem Eingang beeindrucken. „There is a space, but a space without a place. There are networks. It’s a new place but the same scene for the same people. And some work. And I live a lot of my life inside...“ sagt Helena Torgeson von Attac Schweden.

Ist es angesichts der Sprachenvielfalt in europäischen sozialen Bewegungen denkbar, das sich eine inklusive politische Öffentlichkeit über Sprachbarrieren hinweg entwickelt? Ausgehend von dieser Frage untersucht dieses paper die Entstehungsbedingungen einer europaweiten politischen Öffentlichkeit am Fall der europäischen Sozialforen. Die Sozialforen sind basisdemokratische Öffentlichkeitsarenen, die sich innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung in unterschiedlichen Städten, Regionen, auf Nationen- und supranationaler Ebene gebildet haben. [1] Anliegen der Sozialforen in Europa ist es, eine kritische Öffentlichkeit gegenüber der Politik von Staaten und europäischen Institutionen aufzubauen (della Porta 2005). Eine Besonderheit im Rahmen der europaweiten Vorbereitungsversammlungen der Sozialforen ist ihr ‚multilingualer Kontext’, das heisst, dass RednerInnen in Versammlungen wie in Genua in verschiedenen Sprachen miteinander kommunizieren, die simultan übersetzt werden. [2]

Der multilinguale Charakter innerhalb des Sozialforumprozesses ist ein interessantes Phänomen, da seitens der Wissenschaft mehrfach die Vermutung geäussert wurde, dass eines der Grundhürden für das Entstehen einer europaweiten demokratischen Öffentlichkeit in der sprachlichen Vielfalt und den damit verbundenen Verständigungsproblemen liege. Einige Wissenschaftler sind skeptisch bezüglich der Frage, wie es den BürgerInnen gelingen soll, an fremdsprachlichen Debatten in anderen EU-Ländern teilzuhaben. Die leitende Fragestellung meiner Studie verknüpft diese wissenschaftliche Diskussion mit dem neuen Auftreten der multilingualen Sozialforen: Inwieweit verursacht Multilingualität innerhalb der Mikroöffentlichkeit der europäischen Sozialforen ein Hindernis für das Entstehen transnationaler Kommunikationsprozesse? Welche weiteren möglichen Einflussfaktoren neben Sprache könnten das Entstehen von transnationaler Kommunikation im Rahmen der Sozialforen positiv oder negativ beeinflussen? So behaupte ich, dass das Fehlen einer einheitlichen Sprache (i. S. eines Idioms) grundsätzlich noch kein Hindernis für das Entstehen einer transnationalen Öffentlichkeit ist. Im Gegenteil stelle ich die kontraintuitive These auf, dass Multilingualität sogar indirekt dazu beiträgt, die demokratische Diskursqualität in einem öffentlichen Raum zu verbessern – Sprechende und Zuhörende müssen, um sich überhaupt verständigen zu können, genauer zuhören und auf das jeweilige Gegenüber eingehen, als in einer Öffentlichkeitsarena, in der alle ohnehin die gleiche Sprache sprechen. Dies, so mein unerwarteter Befund, verändert die Machtstrukturen einer Mikro-Öffentlichkeitsarena grundlegend – mächtige SprecherInnen hören genauer hin. Sie kommen nicht umhin mit DolmetscherInnen zusammen zu arbeiten, wollen sie einen Konsens aller Anwesenden erzielen. DolmetscherInnen wiederrum sind im europäischen Sozialforen Personen, die sich intensiv um Gehör für diejenigen bemühen, die ohne Übersetzung oft „überhört“ würden. Diese Dynamik der Übersetzung und der Verteilung der Macht der Moderation auf mehrere Gruppen (ModeratorInnen und ÜbersetzerInnen) hat einen demokratisierenden Effekt auf diskursive Arenen: Übersetzung, und ÜbersetzerInnen demokratisieren deliberative Prozesse nicht weil sie die Sprechgewohnheiten sondern weil sie die Hör- und Interpretionsgewohnheiten der TeilnehmerInnen verändert, und damit die feinen kulturellen Normen, die öffentliche Räume institutionalisieren (Polletta 2002, 2006, 2008). Ich werde im folgenden aufbauend auf dem Forschungsstand zu europäischer Öffentlichkeit ein theoretisches Modell zur Analyse des öffentlichen Raumes innerhalb der europäischen Sozialforen entwickeln und anschliessend die Ergebnisse meiner empirischen Studie präsentieren.

Transnationale Öffentlichkeit ist mehr als die Wiederholung nationaler Modelle

Unter welchen Bedingungen kann eine europäische Öffentlichkeit entstehen und wie lässt sie sich erforschen? Im Hinblick auf die Frage der Sprachenvielfalt in Europa, die hier im Zentrum steht, existiert einerseits die eher ‚skeptische‘ Position, dass das Fehlen einer von allen gesprochenen Sprache schon die theoretische Möglichkeit des Entstehens einer europäischen Öffentlichkeit verhindere (Grimm 1995, Kielmansegg 1996, Gerhards 2000). Diese Position geht allerdings von einer demokratietheoretisch fragwürdig erscheinenden Idealisierung aus, die nationalstaatliche Öffentlichkeit als linguistisch, kulturell, und ethnisch als homogen und daher als demokratisch konzeptionalisiert (Eder/Kantner 2000; Nanz 2006). Andere Auffassungen setzen dem entgegen, dass die Skeptiker von einem idealisierenden Bild nationaler Öffentlichkeiten ausgingen (Eder/ Kantner 2000: 82; Kantner 2004: 95; Van de Steeg 2002: 502). Demnach wären die Bedingungen für das Entstehen von europäischer Öffentlichkeit bereits erfüllt, wenn „in den nationalen Arenen die gleichen (europäischen) Themen zur gleichen Zeit unter gleichen inhaltlichen Relevanzgesichtspunkten diskutiert werden“ (Eder/ Kantner 2000: 82, Kantner 2004: 129). Kritisch wurde dagegen wieder eingewandt, dass es nicht ausreiche, dass unterschiedliche nationale Öffentlichkeiten über die gleichen Themen kommunizieren, sondern sich darüber hinaus auch gemeinsame europäische Sichtweisen entwickeln müssten (Gerhards 2000: 293). Wie ein Vergleich von Zeitungsartikeln aus unterschiedlichen Ländern am Beispiel der Debatte um die Zukunft der EU zeigt, lässt sich in diesem Sinn bereits das Entstehen eines EU-weiten „permissiven Konsens(es)“ beobachten (Trenz 2004: 18). Andererseits wiederum bleibt die Frage offen, ob derartige gemeinsame europäische Sichtweisen für das Entstehen von politischer Öffentlichkeit überhaupt notwendig sind, und ob nicht im Gegenteil „Streit, Polarisierung und kontroverse Debatten“ Vorbedingungen für das Entstehen einer lebendigen Öffentlichkeit sind (Risse 2002b: 18).

Anschliessend an den Forschungsstand bezüglich einer europaweiten Öffentlichkeit in den Medien lässt sich somit fragen, ob eine europaweite politische Öffentlichkeit nicht nur kontroverse Debatten zu europäischen Themen in der über Medien vermittelten Öffentlichkeit benötigt, sondern auch kritischer Stimmen ‚von unten‘. So betont Jürgen Habermas die Bedeutung „autochthoner“ Akteure, das heisst kleiner, unbürokratischer Basisgruppen, wie sie innerhalb sozialer Bewegungen anzutreffen sind, für das Entstehen einer kritischen und nicht vermachteten Öffentlichkeit (Habermas 1989: 474, Habermas 1996: 288). Eine transnationale Vernetzung zivilgesellschaftlicher Basisgruppen könnte sich etwa über neue Kommunikationsmöglichkeiten wie das Internet entwickeln – doch findet dies offensichtlich bisher nur in relativ begrenztem Umfang statt (Koopmans/ Zimmermann 2003). Einen weiteren Untersuchungsgegenstand für die Entstehungsmöglichkeiten einer europäischen Öffentlichkeit ‚von unten’ bieten daher alternative ‚face-to-face’ Versammlungsöffentlichkeiten wie die Sozialforen. [3] Ergänzend zu Studien zur europäischen Medienöffentlichkeit soll daher erforscht werden, ob innerhalb von sozialen Bewegungen entstehende Initiativen wie die europäischen Sozialforen ein Katalysator für das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit ‚von unten‘ sein könnten.

Das Problem der Sprachenfrage wurde dabei bereits in vorangehenden Studien zu multilingualen Versammlungsöffentlichkeiten behandelt (Wodak and Wright 2006). So hat Multilingualität beispielsweise in der parlamentarischen Arena des Europäischen Parlaments offenbar den Effekt, dass sich trotz hervorragender Dolmetscherdienste keine lebendigen politischen Debatten entwickeln (Kraus 2000: 6). Anders als das Europäische Parlament verfügen die Sozialforen über vergleichsweise wenig materielle und institutionelle Ressourcen und daher begrenzte Möglichkeiten des Herstellens einer gemeinsamen multilingualen Öffentlichkeit. Wie kommt es, dass es den Aktivisten innerhalb des Vorbereitungsprozesses zum Europäischen Sozialforum (ESF) trotzdem gelingt, unter diesen erschwerten Bedingungen in verschiedenen Sprachen über politische Ziele und praktische Organisationsfragen zu debattieren und Tausende von Menschen zum ESF zu mobilisieren?

So scheint sich erst seit kurzem unter anderem in Verbindung mit der globalisierungskritischen Bewegung und der Entstehung des Netzwerks europäischer Sozialforen ein Trend hin zu einer stärkeren Europäisierung von Protest zu entwickeln (Andretta et al. 2002, della Porta:2003b). Bei einer Untersuchung der Sozialforen bezüglich des Entstehens europäischer Öffentlichkeit sollte dabei allerdings nicht vergessen werden, dass der Prozess des Entstehens der Sozialforen auf globaler Ebene in Porto Alegre begann. Ausgehend von einem Begriff von Öffentlichkeit im nationalstaatlichen Kontext liesse sich demgegenüber vermuten, dass eine europaweite Öffentlichkeit zuerst in umgekehrter Reihenfolge, beginnend mit einer Vernetzung nationaler Öffentlichkeiten, entstehen müsste. Im Fall der Sozialforen aber treffen Versammlungsöffentlichkeiten gleichzeitig auf mehreren Ebenen zusammen, auf supranationaler, nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Diese Beobachtung regt weiter dazu an, die Entstehungsbedingungen einer europaweiten Öffentlichkeit jenseits nationalstaatlicher Strukturen am Beispiel entstehender transnationaler Netzwerke oder alternativer Öffentlichkeitsarenen wie der Sozialforen zu untersuchen (Schlesinger 2003).

Kritisch lässt sich jedoch bezüglich der Fallauswahl einwenden, dass die Sozialforen aufgrund des bereits existierenden gemeinsamen Hintergrunds der Akteure (Globalisierungskritik) nicht lediglich einen ‚einfachen Fall‘ zur Untersuchung von Öffentlichkeit darstellen. Das ist teilweise richtig, doch ist der gemeinsame Hintergrund als Basis für eine gemeinsame ‚Identität‘ der Aktivisten eher ‚dünn‘ ausgeprägt. So stimmen Kritiker und Sympathisanten über die große ideologische Diversität der Bewegung überein (Anheier et al. 2002: 7). Auch wenn Proteste gegen die Politik der WTO in Seattle 1999 „einen wichtigen Bezugspunkt für nachfolgende Debatten und Mobilisierungen“ der Bewegung waren (Rucht 2000: 14, Ü.d.A.) ist die globalisierungskritische Bewegung in Europa aber äusserst heterogen, hat eine „facettenreiche Identität“ und eine nur lose verbundene Organisationsstruktur (della Porta et al. 2003a: 193). Gerade die Heterogenität, obwohl in den Medien oft als Kritikpunkt angeführt, macht die globalisierungskritische Bewegung und speziell die europäischen Sozialforen als „Netze im Netzwerk“ (della Porta et al. 2003a: 48) zu einem interessanten Untersuchungsfalls für das Entstehen von europäischer Öffentlichkeit. [4] Anregend am Fall der Sozialforen für die Debatte um europäische Öffentlichkeit ist, dass die Abwesenheit einer von allen gesprochenen Sprache während der europäischen Vorbereitungsversammlungen, anders als intuitiv anzunehmen wäre, die Diskursqualität nicht zu verringern scheint. Im Gegenteil habe ich bei meiner Recherche den Eindruck gewonnen, dass deliberative Prozesse innerhalb der europäischen Vorbereitungsversammlungen der Sozialforen stärker anzutreffen waren, als bei ähnlichen Vorbereitungsversammlungen im nationalen Rahmen. Ausgehend von diesem Puzzle erläutere ich nun meine theoretischen Untersuchungskriterien für europäische Öffentlichkeit.

Vergleich nationaler und europäischer Versammlungen der Sozialforen

Anknüpfend an den transnationalen Untersuchungsgegenstand bietet es sich an, als qualitatives Kriterium zur Untersuchung von Öffentlichkeit das Konzept der demokratischen Deliberation zu verwenden. Demnach untersuche ich die Entstehungsbedingungen für europäische Öffentlichkeit daran, inwieweit über nationale Grenzen ein „deliberativer Raum“ entsteht oder auch nicht (Risse 2000a: 11, Ü.d.A., vgl. auch Habermas 1990, 1996, Eriksen/ Fossum 2000). [5] Für meine Untersuchung im Kontext der europäischen Sozialforen bietet sich die Definition für Deliberation aus der Forschung im Kontext sozialer Bewegungen an, die Donatella della Porta im Zusammenhang mit einer empirischen Studie zu den Sozialforen ausgearbeitet hat. Danach entsteht demokratische Deliberation, „when under conditions of equality, inclusiveness and transparency, a communicative process based on reason (the strength of the good argument) is able to transform individual preferences and reach decisions oriented to the public good“ (della Porta 2004: 3). Anlehnend an diese Verständnis stütze ich mich auf neue feministische Modelle deliberativer oder kommunikativer Öffentlichkeit (Young 1996, della Porta 2005), in dem ich als demokratische deliberative Arenen solche Räume bezeichne, die tatsächlich die Möglichkeit eines gleichberechtigten Dialogs zwischen unterschiedlichen Gruppen anbieten, Frauen und sozial unterpriviligierten Menschen sowie Minderheiten einschließen (Young 2000; Polletta 2006; Doerr 2007). Angewandt auf den Fall der Sozialforen frage ich also danach, inwieweit transnationale Kommunikation im Sinne eines offenen und inklusiven Dialogs zwischen gleichen TeilnehmerInnen auch über Sprachunterschiede hinweg zustande kommen kann (Doerr 2008).

Ich untersuchte, in welchem Maße in den einzelnen Vorbereitungsversammlungen von Sozialforen auf nationaler bzw. europäischer Ebene effektiv inklusive deliberative Kommunikationsprozesse vorkommen. Um das zu realisieren, überprüfte ich einmal, inwieweit benachteiligte Gruppen offenen Zugang zum Wort in europäischen und nationalen Meetings hatten, und zweitens, inwieweit diese Gruppen in Debatten tatsächlich von ModeratorInnen und in Entscheidungen „gehört“ wurden, anstatt ignoriert zu werden (cf. Polletta 2006: 96). Als Fälle auf nationalstaatlicher Ebene wählte ich die jeweiligen Vorbereitungsprozess innerhalb von Sozialforen in Deutschland und Großbritannien aus. [6] Bei einer Untersuchung des Einflusses von Sprache auf die Diskursqualität in einer Öffentlichkeitsarena ist dabei zu berücksichtigen, dass Sprache im Kontext der Sozialforen möglicherweise nicht der einzige Faktor ist, der von nationaler zu europäischer Ebene variiert: Machtasymmetrien, [7] variierende politische Kulturen [8] sowie ideologische Differenzen oder persönliche Kontaktnetzwerke sind Faktoren, die auf nationaler und europäischer Ebene unterschiedlich ausgeprägt sein können. Durch die Auswahl möglichst ähnlicher Fälle habe ich daher versucht, den Einfluss dieser intervenierenden Variablen möglichst gering zu halten. [9] Machtasymmetrien als mögliche intervenierende Variable integrierte ich bewusst in die Fragestellung, indem ich gezielt danach fragte, welche Ursachen zu Machtungleichgewichten führen, und inwieweit Sprache oder andere dabei eine Rolle spielt. Die über teilnehmende Beobachtung gesammelten Daten analysierte ich aus drei unterschiedlichen Perspektiven (Triangulation): 1. Schriftliche Befragung über einen Fragebogen, 2. mündliche Befragung über qualitative halbstandardisierte Interviews sowie 3. Diskursanalyse der Plenardiskussionen (Methode der Critical Discourse Analysis, cf. Wodak 1998).

Ergebnis: Inklusivere Debatten auf europäischer Ebene – mit Übersetzung

Die Ergebnisse zum Stattfinden von Deliberation in den untersuchten Sozialforen sind überraschend: Nicht nur die ‚insider‘ des Prozesses, sondern auch eher am Rand stehende Teilnehmergruppen (‚benachteiligte TeilnehmerInnen‘, im folgenden ‚outsider‘) [10] empfanden die europäischen Plenarversammlungen insgesamt als offener und die Plenardebatten als inklusiver als vergleichbare Treffen auf nationaler Ebene. Interessanterweise fiel es besonders den interviewten ‚outsidern‘ leichter, innerhalb der europäischen Versammlungen das Wort zu ergreifen, als im nationalen Kontext, während es für die stärker integrierten Langzeit-TeilnehmerInnen (‚insider’) keinen Unterschied machte, ob sie sich vor einer mehrsprachigen Versammlung oder im nationalen Rahmen zu Wort äusserten. Die unterschiedlichen Eindrücke dieser beiden Teilnehmergruppen deuten darauf hin, dass der Zugang zum Wort auf nationaler Ebene für die Gruppe der weniger integrierten ‚outsider’ (das heisst neuer TeilnehmerInnen sowie potentiell benachteiligter Gruppen) strukturell schwieriger ist.

Interessanterweise schien dabei die Mehrsprachigkeit im Rahmen der europäischen Versammlungen keiner der befragten Gruppen ernsthafte Probleme zu bereiten. Die stärker integrierten TeilnehmerInnen (‚insider‘) hielten gemeinsame Ziele und persönlichen Kontakt für wichtiger als die Existenz eines gemeinsamen Idioms. Für die befragten ‚outsider‘ liegen die Probleme auf europäischer Ebene ebenfalls nicht in sprachlichen Verständigungsproblemen, sondern in Informationsasymmetrien und materiellen Ungleichgewichten, die den Zugang zu den Versammlungen erschweren:

„Es war sehr schwierig, Informationen über das Treffen und den Ort hier zu erhalten. Ich habe es mehrfach versucht, auch direkt bei den Organisatoren angerufen. Es steht nichts auf der Homepage, keine einzige Information dazu wo genau es stattfindet, und wann. Alles war im Vorfeld sehr intransparent organisiert. Die wichtigsten Entscheidungen fallen zu einem Zeitpunkt, wo diejenigen, die keine professionellen Aktivisten sind, schon wieder abgereist sind, an einem Dienstagvormittag!“ [11]

Diese Eindrücke spiegeln sich auch in den Ergebnissen der Diskursanalyse wieder. So ergibt die Diskursanalyse der Plenardebatten, dass Plenardebatten auf europäischer Ebene stärker egalitär verliefen als im nationalen Kontext in Deutschland. So diskutierten die TeilnehmerInnen auf europäischen Versammlungen einerseits direkter und härter um zu verteilende Ressourcen (Doerr 2009), während gleichzeitig Vermitteln und das Suchen nach gemeinsamen Kompromissen häufiger zu beobachten war. Somit bestätigen die Ergebnisse aus der Diskursanalyse den im Rahmen der Interviewauswertung gewonnenen Eindruck, dass bei Plenardebatten auf europäischer Ebene ein kommunikativer Umgangsstil vorzuherrschen scheint, der deliberative Prozesse begünstigt. Damit meine ich, dass die aus unterschiedlichen Ländern angereisten TeilnehmerInnen großen Wert auf respektvollen, offenen Umgang miteinander legten - mehr als im nationalen Kontext beobachtbar. Stärker als im nationalen Kontext achteten die ModeratorInnen auf europäischer Ebene darauf, dass Entscheidungen konsensuell über einen ausführlichen formell anspruchsvollen Prozess der Deliberation vom Plenum selbst beschlossen wurden. Dadurch dauerten Plenardiskussionen offenbar länger, wie ein Interview mit einem der Teilnehmer am Sozialforum in Deutschland veranschaulicht.

„Im Vergleich zu den deutschlandweiten Vorbereitungsversammlungen finde ich die europäischen Versammlungen zäh.... Wir brauchen hier bei der europäischen Versammlung immer ziemlich lange, um erst mal zu wissen, um was es geht, um uns ‚abzutasten‘, mit all den verschiedenen Sprachen und Hintergründen. Hier gerade dauert es auch schon wieder alles sehr lange. Weil es eben Basisdemokratie ist und die ist halt langwierig. Aber man muss die Leute halt auch zu Wort kommen lassen. Hier auf der europäischen Versammlung wird alles diskutiert, damit es auch demokratisch ist.“ [12]

Der Vergleich mit Großbritannien deutet darauf hin, dass dieses Ergebnis kein Einzelfall ist. So schienen Teile des britischen Sozialforums zunächst aufgrund gegenseitigen Misstrauens überhaupt nicht miteinander zu kommunizieren, so dass ohne Vermittlung der europäischen Versammlung deliberative Verständigung schlichtweg unmöglich gewesen wäre. [13] Auf europäischer Ebene wurden dagegen aus anderen Ländern angereiste TeilnehmerInnen stärker als legitime DiskursteilnehmerInnen anerkannt, und deren jeweils besondere Perspektiven berücksichtigt. Die relativ große gegenseitige Wertschätzung drückte sich auch dadurch aus, dass TeilnehmerInnen aus jeweils anderen Ländern als ‚*honest broker‘* (ehrliche Makler) in interne Debatten in einzelnen Sozialforen auf nationaler Ebene intervenierten. [14]

Bezüglich des offenen Zugangs zu deliberativen Debatten bestätigt die Diskursanalyse die Eindrücke der interviewten ‚outsider‘, dass in den Vorbereitungsversammlungen auf nationaler Ebene besonders Neuankömmlinge, potentiell benachteiligte Gruppen und Basisgruppen weniger oft zu Wort kamen als auf europäischer Ebene. Eine Ursache für die Schwierigkeiten, das Wort bei Versammlungen auf nationaler Ebene zu ergreifen liegt dabei offenbar in Informationsasymmetrien zwischen unterschiedlichen Teilnehmergruppen. So beklagten sich Basisgruppen darüber, dass Akteure, die gleichzeitig auf nationaler und europäischer Ebene aktiv sind, Informationen nur unvollständig weitergeben. Überraschend ist auch ein weiteres Ergebnis aus Interviews und Diskursanalyse: So schienen trotz der einheitlichen Sprache auf nationaler Ebene Verzerrungen der deliberativen Diskursqualität zu existieren, die nicht in sprachlichen Verständnisproblemen wurzelten, aber dennoch dazu führten, dass einzelne TeilnehmerInnen sich benachteiligt fühlten. Die kritischen Stimmen zweier Migrantinnen während eines Vorbereitungstreffens in Deutschland verdeutlichen dies.

„Es ist immer das gleiche. Wir sind wie Luft, es wird über uns geredet, nicht mit uns, auch wenn wir im Raum sitzen. Es gibt einfach null Reaktion auf Fragen bezüglich der Migranten. In Florenz war das anders. Auch bei der europäischen Versammlung in Berlin war eine sehr gute Atmosphäre.... Ich bin schon länger dabei, schon seit Florenz. Für Florenz habe ich Redner genannt, jemanden aus meinem Heimatland, der wurde vom Sozialforum hier in Deutschland nicht akzeptiert. Deswegen habe ich jetzt niemanden mehr vorgeschlagen, bis auf eine Frau, die aber noch nicht zugesagt hat. Das wollte ich ebenfalls thematisieren während der Sitzung eben (A. d. A.: Sitzung der Initiative für ein Sozialforums in Deutschland), aber ich bin ja nicht zu Wort gekommen.“ [15]

„Diese Leute haben keinen Respekt für Neulinge! Sie reden über den Irak – aber es sind gar keine Iraker da im Raum... wir kommen aus den Ländern, aber man hört uns nicht zu... Wir sind sieben Millionen Migranten hier in Deutschland. Hier in diesem Forum aber muss ich mich behaupten... Die Sitzung eben war beherrscht von einer bestimmten Sprachkultur, ein bisschen wie im Kindergarten: Fragen wurden zugedeckt – man darf nicht das Falsche fragen. Unsere Fragen blieben unbeantwortet, und wenn doch, dann wurde mit Wut in der Stimme geantwortet, so wie auf Ninas Nachfrage bezüglich der Auswahl der Sprecher auf der deutschen Liste... Sie haben es offensichtlich immer noch nicht verstanden, dass Migranten- und Ausländerfrauen auch Teil der Gesellschaft sind. Das war kein echtes Forum.“ [16]

Derartige Kritik am Fehlen deliberativer Entscheidungsfindungsprozesse war vor allem auf nationaler Ebene anzutreffen und könnte darauf zurückzuführen sein, dass trotz einheitlicher Sprache in nationalen Sozialforumstreffen unterschiedliche ‚Sprachen’ gesprochen werden, und DiskursteilnehmerInnen sich nicht ‚verstehen’, weil ihre persönlichen Hintergründe zu weit voneinander entfernt sind. [17] Offenbar ist die Existenz eines homogenen öffentlichen Raumes auf nationaler Ebene zumindest im Fall der Sozialforen ein Idealbild, das verdeckt, dass nicht jedeR die vermeintlich von allen gesprochene Sprache auch gleich gut beherrscht. Gerade für linguistisch einheitliche (nationalstaatliche) Öffentlichkeitsarenen lässt sich nämlich feststellen: „Die ‚Gate Keepers‘ sind die Mächtigen, diejenigen also, die zur richtigen Zeit die richtige Sprache sprechen, schreiben, lesen und verstehen“ (Wodak 2002: 21, vgl. auch Bourdieu 1982, Busch 2005). [18] Vor dem Hintergrund dieser soziolinguistischen Forschungsergebnisse lässt sich bezüglich des Falls der Sozialforen schlussfolgern, dass die Existenz einer einheitliche Sprache im nationalen Rahmen kein Garant für das Stattfinden deliberativer Prozesse ist. Im Gegenteil könnte gerade das Fehlen eines gemeinsamen Idioms bei den europäischen Versammlungen der Sozialforen eine Ursache dafür gewesen sein, dass die im nationalen Rahmen auftretenden Verzerrungen der Diskursqualität nicht gleichermassen zu beobachten waren.

Verhindern Sprachbarrieren das Entstehen von europäischer Öffentlichkeit?

Im Hinblick auf die leitende Frage nach der Bedeutung von Sprache für das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit lässt sich schliessen, dass die Existenz mehrerer Sprachen (Multilingualität) im transnationalen Kontext der Sozialforen zumindest nicht verhindert, dass deliberative Prozesse stattfinden. Damit liefert meine Studie empirische Indizien zur Untermauerung der theoretisch bereits angedachten These, dass die EU trotz der Vielfalt an gesprochenen Sprachen nicht in nationalstaatliche Teilöffentlichkeiten zerfallen muss, die grundsätzlich kommunikationsunfähig sind (Kantner 2004: 114). Ein multilingualer Kontext auf europäischer Ebene der Sozialforen verlängerte Diskussionen zeitlich und bewirkte bei den Teilnehmenden eine stärkere Konzentration auf gegenseitiges Zuhören. Damit war Multlingualität im Kontext der untersuchten Sozialforen sogar ein Faktor, der deliberative Prozesse im Vergleich zur nationalen Ebene verbesserte. Dabei sollte allerdings auch nicht vergessen werden, dass viele der TeilnehmerInnen an den Sozialforen bereits minimale Fremdsprachenkenntnisse mitbrachten. Zumindest lässt sich aber festhalten, dass innerhalb der Mikroöffentlichkeit der Sozialforen Sprachschwierigkeiten nicht die entscheidenden Zugangsbarrieren zur Teilnahme und aktiven Partizipation an europäischen Treffen waren, sondern Informationsasymmetrien und materielle Hindernisse wie Reise- und Visakosten.

Bemerkenswert waren auch die stärkere Beachtung eines formell anspruchsvollen und ausführlichen Verhandlungs- und Entscheidungsprozesses und des Konsensprinzips auf europäischer Ebene, ebenso wie die Existenz eines offenen und respektvollen Diskussionsstils, der Deliberation begünstigte. Dabei bleibt die Frage offen, wie wichtig diese einzelnen Elemente, also Multilingualität, ein offener und respektvoller Diskussionsstil sowie der gemeinsame Hintergrund der Akteure und gemeinsame Ziele miteinander zusammenhängen und für das Entstehen von Deliberation von Bedeutung sind. Weitere intervenierende Variablen könnten in der Existenz unterschiedlicher politischer Kulturen [19] sowie persönlicher Kontaktnetzwerke zu finden sein. [20] Ein zusätzlicher Aspekt, der hier nicht behandelt wurde, ist der persönliche Hintergrund der Akteure in den Sozialforen, soziale und kulturelle Hintergründe sowie Motivation.

Lassen sich die Ergebnisse aus der Fallstudie verallgemeinern?

Zur Frage der Aussagekraft der Ergebnisse in bezug auf eine Untersuchung der Entstehungsbedingungen einer europäischen (deliberativen) Öffentlichkeit lässt sich zunächst einschränkend anmerken, dass der Diskurs innerhalb der beobachteten Versammlungen der Sozialforen in den untersuchten Konfliktsituationen stark machtdurchsetzt wirkte. Auch schien sich innerhalb der Foren eine ‚insider‘-Gruppe herausgebildet zu haben, die Entscheidungen stark mitprägte. Die Tatsache, dass die Rednerquoten für die Großveranstaltung des ESF innerhalb der europäischen Vorbereitungsversammlungen nach Länderkriterien verteilt werden, regt weiter zum Nachdenken darüber an, aus welchen Gründen nationale Kriterien trotz der transnationalen Ausrichtung der Sozialforen weiterhin beibehalten werden. Aus diesen Eindrücken lässt sich schließen, dass die Sozialforen keineswegs einen vollkommen egalitären, inklusiven und ‚postnationalen’ Kommunikationsraum darstellen. Die hier gesammelten Ergebnisse deuten aber auch darauf hin, dass ein Schlüssel für das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit ‚von unten’ darin liegt, inwieweit kommunikative Netzwerke wie die Sozialforen einem möglichst weiten Personenkreis offen stehen, besonders interessierten Neuen oder Basisgruppen. Ein zweites Problem bezüglich der Interpretation der Ergebnisse ist die eingangs erwähnte Befürchtung, dass es sich bei der Fallauswahl gewissermaßen um einen ‚einfachen Fall‘ bezüglich der Untersuchung von europäischer Öffentlichkeit handeln könnte. So bleibt die Frage offen, inwieweit innerhalb der Sozialforen bereits vorhandene gemeinsame Ziele und Wertvorstellungen im Sinn einer bereits vorhandenen lockeren gemeinsamen Identität Vorbedingung für das hier beobachtete Entstehen von Deliberation auf transnationaler Ebene sein könnten.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass es für das Entstehen einer deliberativen Öffentlichkeit nicht unbedingt auf das Vorhandensein einer einheitlichen Sprache ankommt. Im Hinblick auf Habermas’ Diskursethik würde das bedeuten, dass die „Unterstellung der bedeutungsidentischen Verwendung sprachlicher Ausdrücke“ als kontrafaktische Voraussetzung für jeden verständigungsorientierten Sprachgebrauch (Habermas 1992: 35) in einem transnationalen Kontext neu zu deuten wäre. [21] So geht Habermas davon aus, „dass die Beteiligten gar nicht die Absicht fassen können, sich miteinander über etwas ... zu verständigen, wenn sie nicht auf der Basis einer gemeinsamen (oder übersetzbaren) Sprache unterstellen , dass sie den verwendeten Ausdrücken identische Bedeutungen beilegen“ (ibid: 35, kursiv im Original). Gleichwohl deuten die Ergebnisse darauf hin, dass im transnationalen Kontext der Sozialforen Übersetzung der Regelfall ist und die Akteure eine gemeinsame Sprache erst über Prozesse der Deliberation entwickeln müssen. Voraussetzung für das Stattfinden von verständigungsorientiertem Handeln wäre in einem transnationalen Kontext nicht mehr eine bereits bestehende und über eine gemeinsame Sprache vermittelte Lebenswelt. [22] Stärker würde es stattdessen auf das Vorhandensein eines institutionalisierten Rahmens ankommen, im Sinn eines offen zugänglichen Kommunikationsraumes, den gegenseitiger Respekt und Anerkennung konstituieren.

Europäische Öffentlichkeit als deliberative Öffentlichkeit?

In einem zweiten Schritt lässt sich anhand der hier gesammelten Ergebnisse weiter vermuten, dass im europäischen Kontext möglicherweise eine andersartige Form von politischer Öffentlichkeit in Form eines durch ständiges Übersetzen und Vermitteln charakterisierten Raumes, einer ‚deliberativen’ Öffentlichkeit, entsteht. Das Entstehen einer derartigen deliberativen Öffentlichkeit würde sich demzufolge gerade darüber konstituieren, dass die Teilnahme am Diskurs nicht über identitäre Zugehörigkeit [23] schon vorgegeben ist. In diesem Sinne könnte gerade durch das Fehlen von Sicherheit darüber, wer ‚dazu gehört’ und mitreden darf, eine grössere Offenheit und Toleranz zwischen DiskursteilnehmerInnen bewirken. Gerade die für den europäischen Kontext charakteristischen unklaren Grenzen von Identität („*fuzzy boundaries* ”) (Risse 2003: 12) und der unvollendete Charakter des Gemeinwesens könnten das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit in Form einer deliberativen Öffentlichkeit zu begünstigen. So lässt das Ergebnis, dass auf europäischer Ebene der Sozialforen mehr Deliberation zu beobachten war als in vergleichbaren nationalen Kontexten vermuten, dass in einer transnationale Öffentlichkeit „die Legitimität politischer Entscheidungen nicht von einem prä-politischen Nationalgefühl als demos abhängt, sondern durch Deliberation zwischen BürgerInnen konstituiert wird“ (Nanz 2006: 103, Ü. d. A., kursiv im Original). Sprache ist demnach entscheidend nicht etwa als Trägerin kultureller Gemeinsamkeiten eines Demos , sondern als Basis für demokratische Verständigung durch Diskussion und Deliberation (vgl. ibid:103).

Zusammenfassung

Ausgehend von der wissenschaftlichen Diskussion um die Rolle von Sprache für das mögliche Entstehen von europäischer Öffentlichkeit stand im Zentrum dieses Artikels die Frage, ob und wie ein multilingualer Kontext das mögliche Entstehen von transnationaler Kommunikation innerhalb der europäischen Sozialforen positiv oder negativ beeinflusst. Als theoretische Ermittlungsgrundlage für die Untersuchung von europäischer Öffentlichkeit im transnationalen Kontext der Sozialforen wählte ich das Konzept der Deliberation , das ich mit Hilfe der beiden Indikatoren inhaltliche Deliberation und offener Zugang operationalisierte. In der empirischen Fallstudie habe ich Deliberation innerhalb der Vorbereitungsversammlungen europäischer Sozialforen durch drei verschiedene Methoden (Fragebogen, Interviews und Diskursanalyse) untersucht. Dabei lassen die Ergebnisse vermuten, dass es für das Entstehen einer deliberativen Öffentlichkeit nicht so sehr auf das Vorhandensein einer von allen gesprochenen Sprache ankommt. Für die Frage nach den Entstehungsbedingungen europäischer Öffentlichkeit ergibt sich daraus, dass das Fehlen einer gemeinsamen Sprache nicht mehr als grundsätzliches Argument gegen das Entstehen einer europaweiten Öffentlichkeit ‚von unten’ gelten kann. Vielmehr sollte weiter danach gefragt werden, welche strukturellen Ungleichgewichte bereits auf nationalstaatlicher Ebene deliberative Prozesse blockieren und damit das Entstehen von transnationaler Kommunikation verhindern und wie es möglich ist, mehr Menschen die Teilnahme an Initiativen ‚von unten‘, wie den Sozialforen, zu eröffnen.

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[1]Europaweit trafen erstmals im November 2002 60 000 Menschen zum Europäischen Sozialforum (ESF) in Florenz zusammen. Die in zweimonatigen Abständen stattfindenden europäischen Vorbereitungsversammlungen dienen der Planung und Organisation des jährlich oder zweijährlich stattfindenden ESF und stehen allen an einer Teilnahme interessierten Menschen offen.
[2]Kommunikationssprachen bzw. übersetzte Sprachen sind beispielsweise Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch, Griechisch, Türkisch, Russisch und Polnisch. Die Möglichkeit der Kommunikation in mehreren Sprachen wurde gewährleistet über das freiwillige Dolmetschernetzwerk Babel .
[3]In Neidhardts Modell öffentlicher Kommunikation, das drei Ebenen von Öffentlichkeit unterschiedet (1. eine Ebene von Alltags- bzw. Encounter- öffentlichkeiten, 2. Versammlungsöffentlichkeiten sowie 3. die Ebene der Medienöffentlichkeit), lassen sich die Sozialforen unter die Ebene von Versammlungsöffentlichkeiten einordnen (vgl. Gerhards/ Neidhardt 1991: 50-55).
[4]Theoretisch lassen sich die Sozialforen, ausgehend von ihrer stark netzförmigen Struktur unter die Organisationsform von Netzwerken einordnen. Social movement networks charakterisieren sich durch ihre heterogene und locker strukturierte kollektive Identität und die Vielfältigkeit und Volatilität der Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren (Diani 1992: 107, Ü.d.A.).
[5]Ein weiterer Grund, der ein Verständnis von europäischer Öffentlichkeit als deliberativem Raum nahelegt, ist der Untersuchungsgegenstand. So gewann ich über teilnehmende Beobachtung den Eindruck, dass die Initiatoren und TeilnehmerInnen der Sozialforen selbst den Anspruch haben, dass die Foren einen offenen und basisdemokratisch organisierten Raum begründen.
[6]Diese Fallauswahl gründet auf der Annahme, dass es sich in beiden Ländern um Sozialforen handelt, die im Entstehungsprozess mit ganz ähnlichen Problemen konfrontiert sind wie die europäischen Vorbereitungsversammlungen (Mobilisierung, Finanzierung, Organisation von Protest, etc.). Gleichzeitig unterscheiden sich die Bewegungen in den beiden Ländern durch ihre interne Akteurskonstellation. Beispielsweise ist das Attac-Netzwerk in Deutschland innerhalb der Sozialforen wichtiger, während es in Großbritannien ganz fehlt, wo eine äusserst heterogene Vielzahl unterschiedlichster globalisierungskritischer Gruppen in den Sozialforen zusammentreffen.
[7]Ich nehme an, dass Machtasymmetrien im informellen und basisdemokratischen setting der Sozialforen durchaus auftreten, obwohl sie vielleicht nicht so offen zu Tage treten wie in stärker institutionalisierten Strukturen (Paris/ Sofsky 1991: 12).
[8]Die hier verwandte Definition für politische Kultur beinhaltet zwei Dimensionen: Die erste länderspezifische Dimension knüpft an die klassische Definition von politischer Kultur aus der vergleichenden Forschung an (vgl. Almond/ Verba 1989: 13). Politische Kultur beschreibt demnach die jeweiligen, länderspezifisch variierenden subjektiven Einstellungen eines Individuums gegenüber dem politischen System und der eigenen Rolle in diesem System. Die zweite ideenspezifische Dimension bezieht sich auf unterschiedliche ideologische Ausrichtungen die unterschiedlichen Wertekodizes und Verhaltensweisen begründen (z.B. republikanisch, christdemokratisch, kommunistisch, liberal, nationalistisch, sozialistisch), (vgl. Berstein 1999: 9, 10).
[9]So sind die untersuchten Sozialforen auf nationaler und europäischer Ebene ungefähr zum gleichen Zeitpunkt entstanden. Auf beiden Ebenen lernten sich viele der TeilnehmerInnen erst durch den Prozess der Gründung der Sozialforen persönlich näher kennen.
[10]Unter potentiell benachteiligten Gruppen verstehe ich materiell schwächer gestellte TeilnehmerInnen aus Osteuropa und der Türkei, MigrantInnen, TeilnehmerInnen mit Sprachschwierigkeiten, sowie kleinere und weniger einflussreiche Gruppen aus dem Basisbereich.
[11]Interview mit Miriam, London Social Forum. Die Namen von TeilnehmerInnen wurden geändert, um die Anonymität der InterviewpartnerInnen zu wahren.
[12]Interview mit Ron während der europäischen Vorbereitungsversammlung in Berlin, 2004.
[13]Der Vorbereitungskreis innerhalb der britischen Sozialforen war sehr stark zersplittert in lokale Sozialforen und kleinere Basisgruppen aus unterschiedlichen Bereichen einerseits und grössere Gruppen wie Gewerkschaften und trotzkistischen Gruppierungen, die der Socialist Workers Party (SWP) nahe stehen, andererseits. Die kleineren und radikaldemokratischen Basisgruppen warfen den grösseren Gruppen vor, das Sozialforum ideologisch und organisatorisch zu dominieren und für eigene Interessen zu missbrauchen.
[14]In der durch gegenseitiges Misstrauen blockierten Situation in Großbritannien etwa wirkte die europäische Versammlung als Publikum für den Schlagabtausch der zerstrittenen Gruppen wie eine neutrale Verhandlungsebene, die Kommunikation erst möglich macht. Französische, österreichische und italienische TeilnehmerInnen vermittelten erfolgreich einen „Konsens“ zwischen den zerstrittenen Briten.
[15]Ausschnitt aus dem Interview mit der Migrantin Anita.
[16]Interview mit Lisa., einer Migrantin, die erstmals an der Versammlung des Sozialforums in Deutschland (DSF) teilnahm.
[17]Die soziolinguistische Forschung stellt fest, dass es auch in einsprachigen Kommunikationsräumen auf nationaler Ebene immer eine Diversität unterschiedlichster Soziolekte, Dialekte, Minder- und Mehrheitssprachen und Sprechstile bestehen (Wodak 2002, vgl. auch Busch 2005, Nanz 2004).
[18]In nationalstaatlichen Öffentlichkeiten mit einer Landessprache fällt es beispielsweise sozioökonomisch benachteiligte Gruppen oder sprachliche Minderheiten wie MigrantInnen, die die Mehrheitssprache weniger gut beherrschen, strukturell schwieriger, am Diskurs teilzunehmen (vgl. Wodak 2002, Busch et al. 2005).
[19]Der Fall Großbritannien deutet darauf hin, dass von einander abweichende politische Kulturen im Sinne unterschiedlicher ideologischer Ausrichtungen im nationalen Kontext Kommunikationsprobleme zwischen einzelnen Gruppierungen bewirken. Treten diese nun im europäischen Kontext nicht gleichermassen auf, oder ist der Einfluss dominierender parteiähnlicher Gruppierungen auf europäischer Ebene weniger ausgeprägt, könnte das erklären, warum die europäischen Vorbereitungsversammlungen stärker deliberativ verlaufen.
[20]So spielt persönlicher Kontakt in Verbindung mit gegenseitigem Vertrauen eine große Rolle für die Akteure. Andererseits verlaufen Plenarveranstaltungen im kleineren Kreis mit möglicherweise engerem persönlicherem Kontakt auf nationaler Ebene nicht unbedingt ‚deliberativer’ als im grösseren und daher vermutlich unpersönlicheren europäischen Kontext
[21]Für das Zustandekommen von verständigungsorientiertem Handeln bedarf es nach Habermas der Erfüllung mehrerer Vorbedingungen: Einmal die Fähigkeit zur Empathie; der Fähigkeit, sich in den anderen hinein versetzen zu können, weiter die Existenz einer gemeinsamen Lebenswelt, die über Sprache, gemeinsame Geschichte oder Kultur vermittelt wird. Schliesslich die gegenseitige Anerkennung als Gleiche und gleicher Zugang zum Diskurs, der offen für weitere TeilnehmerInnen und öffentlich zugänglich sein sollte (vgl. Habermas 1981, Bd. 2:209).
[22]Vgl. zum Begriff der Lebenswelt nach Habermas: Habermas 1981, Bd. 1, 107.
[23]Identität im Sinne von civic identity also einer „Identifizierung von BürgerInnen mit einer bestimmten politischen Struktur wie der EU oder den politischen Institutionen des Nationalstaates“ (vgl. Risse 2003:10, Ü. d. A.).